Eins meiner Lieblingsgedichte veranlasst mich immer wieder zum Nachdenken.
Radwechsel
Ich sitze am Straßenrand. Der Fahrer wechselt das Rad. Ich bin nicht gern, wo ich herkomme. Ich bin nicht gern, wo ich hinfahre. Warum sehe ich den Radwechsel mit Ungeduld?
Berthold Brecht
Für mich habe ich schon lange so umformuliert:
Ich sitze am Straßenrand. Der Fahrer wechselt das Rad. Ich bin gern, wo ich herkomme. Ich bin gern, wo ich hinfahre. Interessiert sehe ich dem Radwechsel zu. Gefühlt ist bei mir immer Radwechsel.
Trotz allem Sicher und fest bleiben, sich nicht unterkriegen lassen, nicht daran zerbrechen. Wachstum kostet Kraft und Überwindung.
Wie lange ist mein Platz an diesem Ort? Wann ist Zeit für Reifenwechsel?
Wo gibt es den neuen Reifensatz? Stabil und mit Profil für die Weiterreise durch unebenes Land.
In all den Fragen: Der Chauffeur - Er ist der Beste, weist den Weg und führt, wie's weitergeht. Steinig, holprig, steil bergan oder bergab, saftige Wiesen, grüne Wälder, düstere Täler, enge Gassen. Die Route entscheidet er, hat auch meine Sicherheit im Blick.
Wetterwechsel: Sonne, Nebel, Regen, Schnee. Stürmische Passagen, friedliche Tage. Alles das will ich ertragen, wenn nur er stets bei mir ist. Auch Wetterwechsel führt zu Radwechsel.
Bereits beim Start ins Erwachsenenleben habe ich realisiert, dass es nicht so gut kommt, wenn ich mein Leben in die eigenen Hände nehme. Daher habe ich dem, der mich geschaffen hat, die Verantwortung und damit das Lenkrad übergeben. Manchmal bin ich der Versuchung erlegen, es doch wieder selbst in die Hand zu nehmen: keine so gute Idee. Ihm möchte ich vertrauen, die Richtung anzuzeigen. Aus diesen Gedanken entstanden im Lauf der Jahre diese Worte.
Was willst du? Was ist dein tiefster Wunsch? Deine Sehnsucht? Unbewusst.
Nimm dir Zeit! Hör genau hin! Was verborgen liegt, wird offenbar!
Unruhig das Herz bis es Ruhe findet in dir, mein Gott.
Gib deiner Sehnsucht einen weiten Raum! Hör hin und erlaube sie.
Die Wünsche des Herzens, nicht die oberflächlichen, sondern die tiefen, dieses Suchen nach dem, was in dich hinein gelegt ist und vielleicht nur darauf wartet, zum Vorschein zu kommen – eine Einladung, das zu erkunden!
„Wenn ich wirklich entdecken kann, was ich auf dieser tiefen Ebene möchte, ist es genau das, was Gott möchte.“ Patrick Carroll
Das Jahr 1999 verbrachte ich in Tonga. Eigentlich hatte ich geplant, im Dezember wieder in Deutschland zu sein. Aber da ich entschieden hatte, von Oktober bis März eine Jüngerschaftsschule (DTS) von JMEM zu besuchen, würde ich den Wechsel ins neue Millennium an der Datumsgrenze erleben. Dies bedeutete auch, dass dieses Weihnachten das erste in meinem Leben sein würde, das ich nicht mit meiner Familie in Deutschland verbringen sollte.
Nur zwei Tage vor dem 24. fuhr ich als einzige Deutsche mit einem Team von 9 Tonganern und einem Kanadier nach Eua, einer kleine Insel in Tonga. Zum ersten Mal war niemand in meiner Nähe, mit dem ich Deutsch, meine Muttersprache, sprechen konnte. Meistens sprachen die Tonganer einfach Tonganisch, was ich nicht verstehen konnte und was dazu führte, dass ich mich oft ausgeschlossen fühlte – und es machte mich wütend, weil ich es ziemlich rücksichtslos fand.
Am Weihnachtsmorgen waren wir noch in der Nähe einer Telefonzelle und ich konnte für viel Geld 10 Minuten mit meiner Familie reden. Aber das war viel zu kurz und machte die Situation eher schwieriger. Und dann geschah etwas, das mir sonst eher fremd ist: ich bekam Heimweh und fühlte mich sehr einsam. Ich war hier in einer eher einfachen Behausung, gekocht wurde hinter dem Haus in einem einfachen Häuschen, Toiletten und kalte Dusche befand sich in einem anderen Häuschen und keiner verstand meine Sprache. Die anderen waren gerade unterwegs und ich war ausnahmsweise mal alleine. Als ich so vor Gott mein Herz ausschüttete, wurde mir beim Nachsinnen mit der Zeit klar, dass die Situation, in der sich Jesus an Weihnachten befand noch um ein Vielfaches schwieriger gewesen sein musste. Er war zum ersten Mal von seinem himmlischen Vater getrennt. Stattdessen fand er sich in einer einfachen Krippe einer lausigen Unterkunft wieder – er, der vorher nur Glanz und Gloria in Gottes Herrlichkeit des Himmels sein Zuhause nannte. Was muss das für ein Schock für ihn gewesen sein? Als ich mir das bewusst machte, verstand ich etwas besser, was Weihnachten wirklich bedeutet. Jesus kam in einem armseligen Umfeld zur Welt und ich durfte ein Stückweit nachempfinden, wie sich das anfühlt. So fühlte ich mich plötzlich ganz tief verstanden. Ich war mit meinen Gefühlen nicht mehr alleine, sondern teilte sie mit Jesus. In jenem Jahr bin ich dem Sinn von Weihnachten ein bisschen mehr auf die Spur gekommen.
Weihnachten 1999 mit drei Tonganerinnen vor unserem „Weihnachtsbaum“
Später machten wir bei warmem Wetter draußen ein leckeres Barbeque und schmückten einen Baum mit Papierblumen. Es wurde doch noch nett, wenn auch ganz anders als ich es gewohnt war. Doch Gott hatte mir eine persönliche Botschaft geschenkt: Jesus hatte mir erlaubt, ein Stückweit nachzuempfinden, wie es ihm damals gegangen sein mochte. Er war in einer ähnlichen Situation gewesen und konnte deshalb verstehen und mitfühlen, wie es mir ging.
Hebräer 4,15: Denn wir haben nicht einen Hohenpriester, der nicht mit unseren Schwächen mitfühlen kann, sondern einen, der in jeder Hinsicht versucht worden ist wie wir, aber ohne Sünde.
Ich wünsche dir, dass du in jeder noch so armseligen Situation den Glanz und die Nähe unseres Herrn Jesus spüren darfst – ob an Weihnachten oder während des Jahres!
Er hält die ganze Welt in seiner Hand und zählt all deine Tage, auch jede Frage sieht er längst, kennt deine Angst.
Vertrau ihm alles an, wenn sonst nichts halten kann: Gerade dann, wenn deine Welt in tausend kleine Trümmer fällt! Er sei der Fels in deiner Brandung
Halt an ihm fest, der dich nie fallen lässt! Gezählt hat er schon deine Haare, genau wie alle deine Jahre. Er kennt dein Dur und auch dein Moll, küsst jede Träne liebevoll.
Diese wunderbare Welt, auch ihre Jahre sind gezählt. Denn irgendwann wird sie vergeh'n, mit ihrem Elend und dann wirst du seh'n, wie seine neue Welt durchbricht, real, ergreifend und so schlicht.
Kein Leid mehr, kein Geschrei! Denn dann setzt er dich frei. Er lädt dich ein, lässt dich nie los, mit ihm bist du nie hoffnungslos. Er hält dich fest, der dich nie fallen lässt.
Es war eine schwere Zeit, mein erstes Jahr als Schulleiterin der bilingualen Grundschule in Kandern. Da verunglückte ein Kind auf dem Pausenhof. Obwohl ich nicht direkt dabei war, belastete es mich emotional sehr, ich war müde und kraftlos. Ich brauchte dringend Unterstützung und Rat, wie es weitergehen sollte.
Eines Abends war ich bei einem Gebetstreffen, wo wir uns gezielt einmal im Monat in der Gruppe, aber auch als Einzelne Zeit nahmen, auf Gott zu hören. Nach der Lobpreiszeit beteten wir und der Leiter sagte „Der Tisch ist bereitet.“ Danach kam die Zeit, in der jeder Stille hatte, um persönlich auf Gott zu hören. Ich setzte mich etwas abseits und schloss die Augen. Vor meinen inneren Augen sah ich den erwähnten Tisch. Darauf lag ein Brathähnchen. Sonst nichts. Ich wartete darauf, dass es weitergehen würde, damit ich verstehen würde, was Gott mir sagen wollte. Aber das war alles, nur dieses Brathähnchen. Nach einer Zeit des Betens und inneren Hörens erkannte ich: das war es! Gott, als mein himmlischer Versorger hatte mir gezeigt, was ich essen sollte, um wieder zu Kräften zu kommen. Am kommenden Tag kaufte ich mir ein Hähnchen und bereitete es zu. Ich spürte, wie die Nährstoffe und das Wissen um Gottes Treue mir neue Kraft gaben.
Zubereitung: innen Orangenviertel (von einer ungespritzten Orange), außen eine Marinade aus Öl, Zitrone, Kräuter, Salz und dann im Backofen garen.
Bis heute fasziniert mich diese Geschichte, weil mir in dieser Situation so bewusst wurde, wie gut mein himmlischer Vater mich versorgt. Später an dem Abend beteten die Geschwister auch noch für die schwere Situation auf der Arbeit, die sich noch eine Zeitlang hinzog, aber mir emotional nicht mehr so zusetzte. Es tut gut, immer wieder solche Geschwister zu treffen.
Durch diese Erfahrung wurde mir auch bewusst, wie wichtig es ist, um Schutz zu beten für den eigenen Verantwortungsbereich.
Die Liebe hat in meinem Wesen Dich abgebildet treu und klar; kein Maler lässt so wunderbar, o Seele, deine Züge lesen. Hat doch die Liebe dich erkoren Als meines Herzens schönste Zier: Bist du verirrt, bist du verloren, o Seele, suche dich in mir.
In meines Herzens Tiefe trage ich dein Porträt, so echt gemalt; sähst du, wie es vor Leben strahlt, verstummte jede bange Frage. Und wenn dein Sehnen mich nicht findet, dann such nicht dort und such nicht hier: Gedenk, was dich im Tiefsten bindet, und, Seele, suche mich in dir.
Dieses Mal hat schon der Samstag gedichtet. Passend zum Wochenende, wo wir den Sabbat feiern, ein Text, der stellenweise ein Gebet ist. Die Gedanken kommen aus einem Impuls, den ich zu Beginn der Woche weitergeben durfte an meine Kollegen.
Kathakritzelt.com hat diese Aktion ins Leben gerufen: Jeden Dienstag wird ein Gedicht aus eigener Herstellung veröffentlicht.