Erwählt – Wendepunkt

„Nicht ihr habt mich erwählt, sondern ich habe euch erwählt und euch dazu bestellt, dass ich hingehen und Frucht bringen sollt und eure Frucht eine bleibende sei, auf dass der Vater euch alles gebe um was ihr ihn in meinem Namen bittet.“ Jesus in Johannes 15, 16

27. Januar 1997, zwei Jahre Referendariat lagen hinter mir. Es war eine harte Zeit mit vielen Herausforderungen, Unfällen, Krisen, einer sehr herausfordernden Arbeitssituation in einem teils eher feindseligen und unberechenbaren Umfeld und ich dachte oft “ Wenn es Gott gelingt, mich durch diese Zeit hindurch zu führen, ohne, dass ich daran zerbreche, dann gelingt ihm auch alles andere in meinem Leben.“ Und dann kam dieser letzte Prüfungstag, der mein zweites Staatsexamen besiegeln sollte, und ich hoffte auf eine Ende dieser Odysee. Doch leider hatte diese noch nicht ihren Höhepunkt erreicht. Denn in der Nachbesprechung kam dieser eine Satz, den niemand gerne sagt oder hört: „Es ist nie einfach, eine solche Mitteilung zu machen…“ Durchgefallen! Prüfung war nicht wie erwartet bestanden und so gab es an diesem Tag kein Freudenfest. Nach 5 1/2 Jahren Studium und Referendariat stand ich vor dem Nichts. Eine liebe Freundin, sammelte auf, was von mir übrig war. Was jetzt? Im Februar an eine neue Schule zu gehen, konnte ich mir beim besten Willen nicht vorstellen.

Die Monate danach war die perspektive-loseste Zeit meines Lebens. Vom Schulamt bekam ich die Mitteilung, dass ich entweder im Februar ‘97 direkt an eine neue Schule müsse. Andernfalls könne mir keiner eine Garantie auf eine erneute Chance, das Referendariat zu beenden geben. Aber ich wusste, dass ich nicht in der Lage sein würde, eine Woche nach meinem Scheitern selbstbewusst an einer neuen Schule aufzutreten. Ich beendete meine Zeit an dieser Schule Ende Januar. So zog ich mit nun 25 Jahren erst mal zu meinen Eltern zurück, jobbte in einer Fabrik und versuchte, herauszufinden, wie mein Leben weitergehen könne. Verschiedene Überlegungen und Aktionen, einen anderen Berufsweg einzuschlagen, endeten immer wieder in einer Sackgasse. 5 ½ Jahre Studium und Referendariat schienen vergeudete Zeit gewesen zu sein. Ich war müde und erschöpft. Mein Selbstbewusstsein war im Keller. Da waren so viele Fragezeichen, wie es weitergehen sollte. Mitte 20, keine abgeschlossene Berufsausbildung war keine sehr angenehme Lage. Mit dem Schulamt versuchte ich weiter, einen gangbaren Weg zu finden, wie ich noch mein Referendariat beenden könnte. Vergeblich.

Aber in dem Moment, in dem ich gehört hatte, dass ich die Prüfung nicht bestanden hatte, war etwas sehr Erstaunliches geschehen: mich hatte ein sehr tiefer Friede durchströmt, den ich mir nicht mit meinem Verstand erklären konnte. So hatte ich diesen tiefen Frieden in mir gefunden, der bis heute unerschütterlich in meinem Herzen verankert ist und mir oft in schwierigen Zeiten Halt gibt. Ich wusste, Gott würde es gelingen, etwas aus den Trümmern meines Lebens zu machen. Es war nicht meine Fähigkeit, die gefragt war, sondern er würde mich befähigen, das zu tun, wozu er mich berufen hatte. Und dies nimmt bis heute immer wieder ganz neue, unerwartete Formen an.

Im Mai 1997 fand ein Einsatz auf den Philippinen statt mit jungen Erwachsenen aus Deutschland und der Schweiz. Da ich bereits seit vielen Jahren wusste, dass ich Gott im Ausland dienen wollte und einige Jahre für die Philippinen gebetet hatte, wollte ich auf diesen Einsatz mitgehen. Finanzielle Mittel waren nicht reichlich vorhanden, aber Gott versorgte mich auf erstaunliche Weise mit den nötigen Finanzen. Nur ein Beispiel: die deutsche Telekom schickte mir einen Brief, sie hätten mir zwei Jahre lang zu viel Geld abgezogen und würden mir daher 728 D-Mark überweisen. Rein rechnerisch war dies fast nicht möglich, aber das Geld landete auf meinem Konto. Es erinnerte mich daran, dass ich zu Beginn meines Studiums fast die gleiche Summe für 3 Ölfässer des OM Schiffes gespendet hatte mit der Zusage „Lass dein Brot über das Wasser fahren, so wirst du es finden nach langer Zeit.“ Prediger 11,1. So fand ich mein „Brot“ nach diesen Jahren wieder und durfte mit anderen jungen Leuten für knapp vier Wochen auf die Philippinen fliegen. Kurz vor diesem Einsatz hatte ich nochmal einen ehrlichen Brief ans Schulamt geschrieben mit der Bitte, nochmal zur Prüfung zugelassen zu werden. Dann legte ich die Sache in Gottes Hände, getrost, dass er sich des Ganzen annehmen würde.

„Once you slept on an island, you will never be the same.“

Wenn du einmal auf einer Insel geschlafen hast, wirst du nie wieder der Gleiche sein.

Es war eine bewegte Zeit, sowohl äußerlich als auch innerlich. Wir waren hauptsächlich im Süden unterwegs, in Cebu und Mindanao. Bei Einsätze in verschiedenen Gemeinden und bei Großveranstaltungen, ermutigten wir Menschen mit Tänzen und Zeugnissen über Gottes Wirken, ihm zu vertrauen. Auch Kranke, für die wir beteten wurden geheilt. Es war eine äußerst gesegnete Zeit. Aber mein persönliches Highlight war ein anderes:

Zu Beginn dieser Zeit fand ein Jugendlager statt. Dabei gab es unterschiedliche Wettkämpfe. Bei einem „Extemporanius“ ging es darum, 5 Minuten über einen Bibelvers zu sprechen. Das Spannende war, dass man nur 5 Minuten Vorbereitungszeit hatte. Tief in meinem Herzen wusste ich, daran muss ich teilnehmen und so meldete ich mich an. Was keiner wusste: ich hatte mit Gott ein Abkommen geschlossen: Wenn es gelingt, dass ich diese 5 Minuten sprechen kann ohne abzustocken und mich vorzeitig an den Platz zu setzen, würde es auch gelingen, dass ich doch noch Lehrerin werden kann.

So ging ich in den „Wettkampf“ mit anderen jungen Leuten. Der Teilnehmer vor mir brach nach 2 Minuten ab und so hatte ich 3 Minuten Ruhe, wo ich mich auf diesen Vers konzentrieren und betete um Verständnis für diesen Vers: „Nicht ihr habt mich erwählt…“ Gott hat erwählt, und wenn er erwählt und wir seine Wege gehen, dann wird unsere Frucht bleiben. Diese sieht oft ganz anders aus, als wir uns das vorstellen. So bewegte ich verschiedene Gedanken und saß betend und hörend, was Gott mir zeigen würde an meinem Platz, bis meine Zeit zu reden gekommen war. Als ich nach vorne ans Rednerpult trat, geschah in meinem Inneren etwas, das ich bis heute als den Wendepunkt meines Lebens ansehe, sich aber nicht so einfach beschreiben lässt. Es war als würden mächtige Eisenketten zerbrechen, die mich gefangen gehalten hatten, das zu tun, was ich tun sollte. Ich begann zu reden mit einer Freimütigkeit, wie ich sie zuvor nie erlebt hatte, sprach über diesen Vers mit einer mir fremden Autorität, betete noch mit dem Publikum und setzte mich nach meinen 5 Minuten zitternd wieder an meinen Platz. Gewonnen gegen die inneren Blockaden, die inneren Gedanken, die mich zurückhalten wollten: „Das kannst du doch nicht machen, was denken denn die anderen“ die Stirn geboten. Gewonnen hatte ich aber auch den Predigerwettbewerb, an dem insgesamt ca 11 Teilnehmer mitgemacht hatten. Dieses Erlebnis hat meine ganze Person verändert, plötzlich war mir klar – und zwar nicht nur theoretisch – dass Gott einen Plan und ein Ziel mit meinem Leben hat. Die Zusagen, die ich in meiner (stillen) Zeit mit ihm bekam waren so ermutigend, wie ich es mir nie hätte träumen lassen. Während dieser Wochen redete ich sehr viel mit Gott, etliche dieser ermutigenden Gespräche und Zusagen habe ich aufgeschrieben.

Der Einsatz ging weiter mit vielen weiteren schönen Erlebnissen und wir flogen erfüllt, aber auch müde wieder zurück nach Europa. Zu Hause wartete eine Riesenüberraschung auf mich: ein Brief des Schulamtes mit der Zusage auf einen erneuten Platz, mein Referendariat an einer anderen Schule nochmal aufnehmen zu dürfen. So kam ich im Herbst an eine sehr nette Schule mit einem liebevollen Kollegium, sowie einem unterstützenden Schulleiter. Dezember 1997 wieder die Prüfunssituation. Wer einmal eine Prüfung zum zweiten (und damit oft auch letzten) Mal gemacht hat, weiß, wie groß die Ängste sein können. Aber mit Unterstützung gelang es, in die Prüfung zu gehen und dieses Mal bestand ich tatsächlich. So hatte ich das 2. Staatsexamen doch noch absolviert und somit die Basis für die Zusage Gottes, dass er mich als Lehrerin gebrauchen würde. Ich bin ein zerbrechliches Gefäß, aber wenn er in mir mächtig ist, dann kann Gutes geschehen. Dann kann sein Licht scheinen in diese Welt hinein, egal wo ich mich befinde und welchen Aufgaben ich nachgehe. Dass ich danach in verschieden Ländern als Lehrerin gearbeitet, Bibelschule unterrichtet und sogar sechs Jahre lang eine bilinguale Schule geleitet habe, ist ein Zeichen seiner ganz besonderen Treue.

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