Nachbarschaft

Vor fast einem Jahr war ich in dieses Dorf gezogen – mal wieder eine neue Situation, wo ich die Neue, die Unbekannte war. Wie gerne wäre ich einfach Teil eines festen Kontextes gewesen, aber es war mir selten vergönnt. Und während Corona umzuziehen ist da nicht gerade förderlich – wobei ich es verhältnismäßig gut getroffen habe.

An dem Tag jedoch ging es mir nicht gut. Große Lebensfragen bewegten mich und mal wieder. Ich fühlte mich wie im Schleudergang der Waschmaschine. Geschlafen hatte ich auch nicht so besonders gut und mein Magen war eher unschlüssig, ob da noch etwas zu Essen reingehörte oder besser nicht. Gegen Abend kam an diesem trüben Tag doch noch die Sonne raus und ich raffte mich zu einem Spaziergang in meinem Lieblingswald auf. Ein ganzes Stück spazierte ich durch einen kleinen Bach. Es tat gut. Vielleicht würde ich zu Hause doch noch etwas essen. Aber ich war nicht darauf vorbereitet, was mich bei meiner Rückkehr ins Dorf erlebte.

In meinem Lieblingswald

Bereits in den vergangenen Monaten hatte ich immer wieder abends schöne Bläserklänge gehört, die die alten Hymnen spielten, die mir gut bekannt waren. Mir wurde gesagt, eine Familie in der Nachbarschaft würde da musizieren. Und dann sah ich auf meinem Rückweg vom Spaziergang drei Menschen mit ihren Blasinstrumenten auf dem Rücken und sprach sie an auf die schönen Klänge. Im kurzen Gespräch luden sie mich ein mitzukommen, sie würden gleich spielen. Ok, dachte ich, kann ich ja kurz machen. Sie würden für einen Geburtstag musizieren. Als sie jedoch ein Gartentor öffneten und hineingingen, wurde ich doch unsicher. Ich kannte diese Leute nicht und sie luden mich in einen unbekannten Garten ein. Das war mir doch etwas unangenehm. Aber ich wagte es. Und so fand ich mich in einem wunderschön vorbereiteten Garten wieder und staunte. Es war wie ein Märchen und ich fragte mich, wie ich dorthin gekommen war. Gekleidet war ich für einen Spaziergang recht ordentlich, aber nicht für eine Geburtstagsparty. Was tat ich hier?

Dann begannen die Bläser zu spielen. Manche Lieder konnte ich mitsingen, es war eine reine Freude, solch schöne Musik zu genießen in einer musikarmen Zeit. Mein trauriges Herz begann aufzutauen. Nach dem Musizieren hatte ich mir fest vorgenommen, nach Hause zu gehen, um endlich etwas zu essen. Aber es sollte noch besser kommen! Ich wurde so herzlich eingeladen, dass mein Widerstand schwand und ich mich dem weiteren Geschehen hingab. Nette Gespräche mit den Gastgebern und weiteren bisher Unbekannten ergaben sich und auch etwas zu essen fand sich. Ich lernte Menschen kennen, die in meiner unmittelbaren Umgebung leben und mich freundlich und interessiert aufnahmen. Obwohl wir uns nicht kannten, erlebte ich auf einmal Begegnung, die ich nicht erwartet hatte und die mein Herz auf ganz unerwartete Weise erwärmte. So ging ich einige Stunden später als gedacht mit neuer Hoffnung erfüllt wieder nach Hause. Etliche neue Bekanntschaften und das Gefühl, ein Stück Heimat gefunden zu haben.

Dieses Erlebnis liegt bereits einige Wochen zurück, aber immer wieder denke ich gerne an den Abend zurück. Eines der vielen Erlebnisse, die mich lehrten: die Siegerländer sind viel freundlicher als ihr Ruf.

(c) Katharina Kopp im August 2021

2 Kommentare zu „Nachbarschaft

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